Stomaversorgung in der häuslichen Pflege

Alles, was Sie wissen müssen

 

Es gibt Themen, über die mehr gesprochen wird als über andere. Das hängt häufig mit ihrer Intimität und dem damit verbundenen Schamgefühl zusammen. Dazu gehört zweifelsfrei auch das Thema künstlicher Darm- bzw. Blasenausgang – in der Medizin auch Stoma genannt. Dabei erhalten jährlich etliche Menschen durch diese Behandlung die Möglichkeit, ein weitgehend normales Leben zu führen.
Das Leben mit Stoma ist allerdings mit einigen Herausforderungen gespickt. Die größte davon ist die optimale Stomaversorgung. Erfahren Sie, was bei der Stomaversorgung zu beachten ist, welche Materialien Sie benötigen und welche Kosten die Krankenkasse bei der Stomaversorgung übernimmt.

Bildquelle: Adobe Stock / Martina

20.04.2022

Was ist ein Stoma?

Der Begriff Stoma stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Öffnung. Dabei handelt es sich um eine künstlich geschaffene Öffnung im Körper, über deren Hilfe Kot bzw. Urin aus dem Körper abgeführt werden. Medizinisch spricht man beim Stoma auch von der Verbindung zwischen Hohlorgan und Körperoberfläche.
Das Grundprinzip der künstlichen Ausgänge ist unabhängig vom Einsatzort gleich. Kot bzw. Urin werden über ein Beutelsystem aufgefangen, wobei die Beutel regelmäßig fachgerecht abgetrennt und entleert werden müssen. Der Einsatz eines Stomas kann an verschiedenen Orten bzw. Organsystemen des Körpers erfolgen. Dazu zählen unter anderem:

  • Urinausgang (Urostoma)
  • Dünndarmausgang (Colostoma)
  • Dickdarmausgang (Ileostoma)
  • Magen-Stoma (Gastrostoma)
  • Künstlicher Luftröhrenausgang (Tracheostoma)

Während die drei erstgenannten Varianten hierzulande sehr häufig vorkommen, zählt sowohl das Magen-Stoma als auch der künstliche Luftröhrenausgang zumindest in unserem pflegerischen Kontext zu den untergeordneten Stoma-Formen.

Direkter Zusammenhang zwischen Alter und Stomabedarf

Unter dem Strich leben in Deutschland nach Zahlen der Krankenkasse Barmer-GEK rund 160.000 Stomaträger:innen. Wenig überraschend ist dabei die Altersverteilung der Stomaträger:innen. Der weit überwiegende Teil der Trägerinnen und Träger ist über 75 Jahre alt. In Summe sind dies laut dem Barmer GEK Heil- und Hilfemittelreport 2013
64.604 Menschen.

Merklich zu nimmt die Zahl der Stomaträger:innen erst im mittleren Lebensalter zwischen 40 und 60 Jahren. Am geringsten ist der Anteil mit nur rund 200 Fällen in der Altersgruppe von drei bis fünf Jahren. Es besteht also ein direkter Zusammenhang zwischen dem Alter, altersbedingten Erkrankungen und dem Tragen eines Stomas.

Wann wird ein Stoma verwendet?

Es gibt gleich eine ganze Reihe an Ursachen für die Notwendigkeit eines künstlichen Blasen-, Magen- oder Darmausgangs. In der Regel handelt es sich um schwerere Erkrankungen wie Mastdarmkrebs oder entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn. Darüber hinaus kann ein Stoma auch bei Lähmungen der Darmmuskulatur oder einem Darmverschluss durch verdrehte Darmschlingen zur Anwendung kommen.

 

 

 

Unter den fünf häufigsten Erkrankungen mit Stoma-Indikation liegt Darmkrebs in seinen unterschiedlichen Formen mit 46,25 Prozent weit vorne. Auf Platz zwei folgen Blasenfunktionsstörungen. Dicht gefolgt von Krebserkrankungen der Harnorgane, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sowie angeborenen Fehlbildungen des Harnsystems. Interessanterweise bestehen bei einigen Erkrankungen deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Während Darmkrebs bei Männern für 51,99 Prozent der Fälle verantwortlich ist, sind es bei Frauen nur 41,45 Prozent.

Die Ursache für den Einsatz eines Stomas liegt häufig darin, dass bei vielen Erkrankungen – zum Beispiel des Darms – Darmabschnitte teilweise entfernt und neu zusammengefügt werden. Für die ungestörte Heilung auch nach schweren unfallbedingten Darmoperationen ist ein Stoma daher die sinnvollste Lösung. Darüber hinaus ist so auch der Schutz der frischen Nahtstelle vor Bakterien und druckbedingten Undichtigkeiten gewährleistet.

Für immer oder nur vorübergehend – wie lange brauche ich ein Stoma?

Diese Frage ist nur allzu berechtigt, denn immerhin schränkt ein Stoma den Alltag und die Lebensqualität trotz optimaler Behandlung in gewisser Weise ein. Allerdings müssen wir uns vor Augen führen, dass die Stomaversorgung eine Maßnahme ist, die nicht leichtfertig in Betracht gezogen wird.

Sie kommt zur Anwendung, um die Lebensqualität bei einer schweren Grunderkrankung zu steigern, gesundheitliche Komplikationen zu vermeiden oder akut lebensbedrohliche Zustände abzuwenden. Ein Stoma ist jedoch nicht in jedem Fall eine permanente Lösung. Eine sogenannte Rückverlegung des Stomas ist immer dann möglich, wenn sich die Grunderkrankung bessert oder der Grund für den Einsatz der Behandlung obsolet ist.

Das betrifft etwa die Besserung entzündlicher Prozesse etwa im Darm oder dem optimalen Heilungsprozess von operativen Eingriffen. Dank moderner Medizin ist ein Stoma oftmals also nur eine vorübergehende Lösung. Unmöglich ist eine Rückverlegung beispielsweise etwa dann, wenn es bei Krebspatient:innen zur operativen Entfernung eines Schließmuskels gekommen ist.

Stomaversorgung funktioniert auch zuhause

Das Stoma-System ist möglichst einfach aufgebaut, sodass es auch in den eigenen vier Wänden problemlos versorgt werden kann. Ein dauerhafter Aufenthalt im Krankenhaus oder Pflegeheim ist damit allein aus diesem Gesichtspunkt nicht notwendig. Jedenfalls so lange, wie eine absolut hygienische Stomaversorgung jederzeit gewährleistet ist.

Viele Patient:innen machen sich dabei insbesondere Gedanken um das Austreten von Kot oder Urin nebst entsprechenden Gerüchen. Mit entsprechenden Materialien und einer gewissenhaften Vorbereitung ist das allerdings kein Problem. Der Inhalt etwa aus dem Darm sammelt sich absolut geruchsfrei im Stomaversorgungssystem, das aus einem Beutel und einem Hautschutz besteht.

Optimale Stomaversorgung mit Hilfe des ambulanten Pflegedienstes

Ein ambulanter Pflegedienst kann gleich auf mehreren Wegen bei der Stomaversorgung helfen. In den meisten Fällen bietet sich eine umfassende Beratung durch die Mitarbeiter:innen an, die Ihnen mit ihrem Fachwissen zur Seite stehen.

Sie helfen Ihnen unter anderem bei der Auswahl der richtigem Materialien für die Stomaversorgung. Darüber hinaus ist auch eine weitere Beratung und Anleitung hinsichtlich der praktischen Stomaversorgung sinnvoll. Häufig ist es dabei notwendig, verschiedene Techniken und Materialien zu verwenden, bis eine optimale Routine für die bestmögliche Stomaversorgung gefunden ist.

Damit lernen sowohl betroffene Personen selbst als auch pflegende Angehörige, wie die Stomaversorgung, schnell, effizient und absolut hygienisch funktioniert. In letzter Konsequenz kann der ambulante Pflegedienst bei Pflegebedürftigen ebenfalls die Komplettversorgung im Rahmen der Pflegetätigkeit übernehmen.

Tipp: Pflegebedürftige mit einem anerkannten Pflegegrad bzw. deren Angehörige haben einen Anspruch auf kostenfreie Pflegeberatungsgespräche. Wichtig: Nach einer Operation erfolgt die Beratung hinsichtlich der Anwendung und der Materialien in der Regel durch Stomatherapeut:innen.

Diese Materialien benötigen Sie zur Stomaversorgung

Für die bestmögliche Stomaversorgung werden zahlreiche Materialien benötigt. Davon sind einige unbedingt erforderlich. Andere wiederum stellen sich in der Praxis als nicht unbedingt erforderlich für den Prozess der Versorgung heraus. Im Alltag müssen Sie sich herantasten, welche Materialien wirklich in der täglichen Praxis für Sie notwendig sind.

Wichtig: Unabhängig von der Auswahl der Materialien aus der folgenden Liste, sollten Sie niemals an der Qualität der Materialien sparen. Immerhin handelt es sich bei einem Stoma um eine Verbindung zwischen der Körperaußenseite und inneren Hohlorganen. Mangelhafte Materialien und mangelhafte Hygiene können hier möglicherweise zu schweren Entzündungen führen. Die folgenden Materialen benötigen Sie zum Wechseln des Stomas:

  • Schere
  • Wasserfester Folienstift
  • Vlieskompressen
  • Schablone
  • Hautschutzcreme
  • Abdichtungsmaterialien
  • Stomagürtel
  • Neues Stomasystem
  • pH-neutrale Waschlotion

Auf diese Punkte müssen Sie bei der Stomaversorgung achten

Hochwertige Materialien sind allerdings nur die halbe Miete. Auch bei der Versorgung selbst müssen Sie auf einiges achten. Nur so kann das Stoma seine Aufgabe optimal erfüllen, ohne dass es zu Hygieneproblemen oder Infektionen kommt. Grundsätzlich sollte der Auffangbeutel jeden Tag gewechselt werden.

Ob Sie ein einteiliges oder zweiteiliges System verwenden, entscheidet zudem darüber, ob auch die Hautschutzplatte täglich oder nur alle paar Tage gewechselt werden muss. Bei einteiligen Stoma-Systemen ist der tägliche Wechsel erforderlich. Der Wechsel selbst bringt einige Besonderheiten mit sich:

1. Bereits das Abziehen der Hautschutzplatte muss mit Vorsicht erfolgen. Legen Sie Ihre Hand dazu oberhalb der Versorgung auf, um das Gewebe zu entlasten. Ziehen Sie die Hautschutzplatte anschließend vorsichtig von oben nach unten ab. Verwenden Sie bitte keine Öle oder anderweitige Lösemittel, da diese die Haftung der erneuten Versorgung verringern können.

2. Reinigen Sie die Haut nach dem Entfernen der Hautschutzplatte sorgfältig mit lauwarmem, klarem Wasser. Tupfen Sie die Hautstelle im Anschluss vorsichtig trocken. Alternativ zu klarem Wasser ist für die Reinigung auch eine gering dosierte pH-neutrale Waschlotion möglich.

3. Für das Wiederaufbringen der neuen Hautschutzplatte können Sie Hautschutzpaste auftragen. Diese dient unter anderem dazu, die Haftung zu erhöhen und Hautunebenheiten auszugleichen. Am besten tragen Sie die Paste mit einem feuchten Finger oder einem Wattestäbchen auf, damit Sie nicht zu viel Paste verwenden.

4. Ist die neue Versorgung angebracht, können Sie die Haftung verbessern, indem Sie die Hand für einige Minuten auflegen. Die Wärme der Hand sorgt dafür, dass sich das Material optimal an die Haut anpasst.

Welche Kosten übernimmt die Krankenkassen bei der Stomaversorgung?

Grundsätzlich übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Hautschutzplatten und Stomabeutel. Die Kosten für weitere Hilfsmaterialien zahlen Sie in der Regel komplett aus eigener Tasche. In welchem Umfang die Kosten übernommen werden, hängt von der Stoma-Art und der Stomaversorgung ab. Die Erstattung orientiert sich an der Mengenempfehlung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) aus dem Jahr 2016. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über den zu erwartenden monatlichen Bedarf:

Versorgungsart Mengenempfehlung des MDK
Versorgung bei Kolostomie Bei einer einteiligen Versorgung übernimmt die Krankenkasse die Kosten für 60 bis 90 Systeme pro Monat. Bei zweiteiligen Systemen sind es 60 bis 90 Auffangbeutel sowie 10 Hautschutzplatten.
Versorgung bei Ileostomie Für einteilige Versorgungssysteme werden die Kosten für 30 Wechselsysteme übernommen. Im Fall von zweiteiligen Versorgungssystemen sind es jeweils 30 Auffangbeutel und 10 Basisplatten pro Monat.
Versorgung bei Urostomie Bei einer einteiligen Versorgung sind 30 Wechselsysteme eingeplant. Bei einer zweiteiligen Versorgung sind es wiederum 10 Hautschutzplatten nebst 30 Auffangbeuteln pro Monat. Hinzu kommen jeweils 30 Bett- und Beinbeutel mit Ablauf.

Liegt der Bedarf höher, übernimmt die Krankenkasse die Mehrkosten nicht automatisch. Ist etwa aufgrund einer Grunderkrankung zusätzliches Material nötig, muss der Mehrbedarf gegenüber der Krankenkasse begründet werden. Diese Begründung sollte durch behandelnde Ärzt:innen erfolgen. Darüber hinaus sind die üblichen Zuzahlungen im Rahmen von zehn Prozent des Materialwerts zu zahlen. Die Kosten liegen damit bei mindestens fünf und maximal zehn Euro pro Monat.

Das Leben mit Stoma – Die wichtigsten Tipps für mehr Lebensqualität

Um das Leben mit der Stomaversorgung im Alltag zu erleichtern, gibt es einige Tipps, die sich mit Freizeit, Sport und Ernährung befassen. Tatsächlich ist das Leben mit einer optimalen Stomaversorgung weniger eingeschränkt als viele Betroffene denken:

  • Eine spezielle Diät ist trotz Stoma nicht notwendig. Sie können also weiterhin genau das essen, was Ihnen schmeckt. Achten Sie lediglich darauf, die Nahrung gut zu kauen, die Nahrung schonend zuzubereiten und lieber mehrere kleine Portionen zu essen. Zudem sollten Sie blähende Lebensmittel nach Möglichkeit meiden.
  • Auch das Schwimmen ist mit Stoma möglich. Dazu benötigen Sie lediglich einen sogenannten Bade- bzw. Schwimmgürtel.
  • Reisen und längere Autofahrten sind mit der entsprechenden Vorbereitung auch kein Problem. Das betrifft etwa einen Gurthalter für den Beutel im Auto. Solange die Materialien für die Stomaversorgung in ausreichender Zahl mitgeführt werden, sind sowohl Tagestrips als auch Reisen ins Ausland möglich.
  • Auch auf Sport und Fitnesstraining müssen Sie durch ein Stoma nicht verzichten. Klären Sie idealerweise zuvor medizinisch ab, welche Sportarten für Sie infrage kommen und welche eher nicht. Sportarten, die die Bauchmuskulatur stark beanspruchen, sind gemeinhin nicht zu empfehlen. Im schlimmsten Fall kann es zu einem sogenannten Stomabruch kommen. Wichtig: Für den Sport empfiehlt sich die zusätzliche Befestigung des Stomas durch geeignetes Befestigungsmaterial. Kurzfristig eignet sich auch ein Stomadeckel.
  • Ein erfülltes Sexualleben ist mit Stoma ebenfalls möglich. Eine Stomakappe oder ein geeigneter Stomagürtel sind ideal, um den Versorgungsbeutel zu schützen. Wichtig ist hier ebenso wie beim Sport, darauf zu achten, dass die Bauchmuskulatur nicht überanstrengt wird.